Stoneman Miriquidi Silber

Natur genießen gehört zum Mountainbiken.
Kurz innehalten und die Natur würdigen.

Wie alles begann

Leider ist in der Leipziger Tieflandsbucht nicht so viel mit Mountainbiken, daher kenne ich mich mit den Veranstaltungen im Mountainbike Bereich nicht wirklich aus. Es verwundert also nicht, dass ich vom Stoneman erst letztes Jahr gehört habe. Zuerst dachte ich es handelt sich um eine Art Rennen und habe es nicht weiterverfolgt. Doch nach unserem Dolomiten Urlaub im letzten Herbst war die Neugier auf ein Abenteuer mit breiten Reifen größer geworden und Google musste Antworten liefern.

Wer ist denn nun dieser Stoneman?

Roland Stauder ein großer der Moutainbike-Szene startete nach seiner 20-jährigen Rennkarriere, wovon er die Hälfte als Profi bestritt, ein spannendes Projekt. Beheimatet in den Dolomiten begann er Biketrails auszuarbeiten. Die Strecke sollte für jeden ohne Guide nach seinen eigenen Möglichkeit zu befahren sein. Nach erfolgreichem absolvieren der Strecke in 1, 2 oder 3 Tagen wartet eine wohlverdiente Trophäe auf den Sportler. Als Nachweis, dass man die Strecke wirklich absolviert hat, wartet auf den höchsten Punkten eine Zange zum einstanzen eines Symbols in ein Armband. Der Stoneman Dolomiti war geboren.

Inzwischen gibt es für Radsportler im Gelände sowie für die Straße ordentlich Kilometer zu fahren:

Interessant finde ich die Trophäe. Auf einem hölzernen Sockel wird ein Stein befestigt und auf diesem das Stoneman Symbol. Der Stein hat die Farbe der erfahrenen Leistung: 1 Tag für Gold, 2 Tage für Silber und 3 Tage für Bronze. Spannend wird es in meinen Augen bei der Mehrfachteilnahme. Man erhält ab der zweiten Teilnahme nur noch einen Stein ohne Sockel und baut Quasi seine Trophäe auf. So entsteht nach und nach ein Steintürmchen. Mich erinnert das an die Steintürme denen man gern in den Südtiroler Bergen begegnet.

Stoneman Miriquidi

Wir hatten bereits letztes Jahr nach unserem Mountainbike Urlaub den Miriquidi ins Auge gefasst. Mein Kalender zeigt noch die Einladung von Sven. Wir wollten so noch ein paar Tage Outdoorluft im Herbst schnuppern und den Rädern die Landschaft zeigen. Runter von der Straße rein in die Natur.

Da ich mit Sehnsucht an die tollen Tage in den Dolomiten zurück denke und mich zu gern daran erinnere wie sich das Biken in einem tollen Flowtrail anfühlt wollte ich unbedingt den Stoneman noch dieses Jahr fahren.

Das Universum war auf meiner Seite. Eine Woche nach unserem ursprünglichen Termin waren die Stoneman Days mit Gründer Roland Stauder geplant. 2 Tage, 162km, 9 Gipfel mit 4400 Höhenmetern wollten gefahren werden. Nur ganz, ganz kurz gezögert…

Der Tag davor

Mein Business ist derzeit sehr fordernd und zwingt mich dazu der Freizeit etwas weniger Raum zu geben. So war die Vorbereitung für die zwei Tage mangelhaft. Am Donnerstag holte ich mein Canyon gegen 18 Uhr aus der Werkstatt und investierte eine volle viertel Stunde ins Einstellen für die kommenden zwei Tage. Das ging fast gut, aber nur fast…dazu später mehr.

Am Abend dann endlich mal die Reiseunterlagen gelesen. Kurz in Panik geraten. Den Veranstalter angeschrieben. Panik wieder abgestellt. Rucksack für das Biken gepackt. Tasche für die Übernachtung gepackt. Verpflegung zusammengesucht. Schlafen gegangen.

Silber Tour Tag 1

Nach einer unruhigen, kurzen Nacht. Meinte der Wecker am Freitag 4:50 Uhr es wäre Zeit das warme Bett zu verlassen. Wirklich schwer war es nicht, was hält mich schon…

Den armen Labrador Balu um diese Zeit zu überzeugen aufzustehen war deutlich schwerer. 😉

Wie geplant saß ich um 5:45 Uhr im Auto mit Ziel Landhotel Rittersgrün in Breitenbrunn. Zum Glück war es eine unspektakuläre Anreise mit Landung gegen dreiviertel acht. Gepäck abgeben. Rad raus. Helm auf und auf den Startpfiff warten. Die Stimmung war entspannt und freundlich. Viele waren bereits am Vortag angereist und kannten sich daher schon.

Viertel neun saßen wir auf den Bikes und kurbelten die ersten Höhenmeter des Tages. Ein Glück wusste ich da noch nicht wie das Enden sollte.

Höhenprofil Tag 1 der Silber Tour

Auf dem Weg zum ersten Gipfel, dem Rabenberg, kam es zu den ersten Gesprächen und Kennenlernen. Wo kommst Du her und was machst Du sonst so? Für mich spannende Fragen mit spannenden Antworten. Da hatten wir einen Leipziger, der in den Bergen fitter aussah als Meinereiner. Einen Bayer, naja wohl Berge gewöhnt. Einheimische die spontan die Strecke heute mitfahren wollten und Jenny. Jenny als aktive Wettkämpferin bei Mountainbikemarathons ist auch Höhenmeter gewöhnt. An der der Stelle war ich gespannt was meine  Flachlandbeine zu der Nummer sagen würden.

Auf dem Rabenberg angekommen, erstmal ein paar schwere Momente und ein Kampf mit den Emotionen. Vor einem guten Jahr standen Sven und ich hier oben. Es ist der Veranstaltungsort des Saxoprint Sachsentrails. Auch dieses Jahr waren wir gemeldet. Der Start wäre zwei Tage nach dem Umfall gewesen… Zum Glück hat mich Roland Stauder in ein Gespräch verwickelt.

Es gab ein paar Kekse für die Heike, in Form von Lob für meine Fahrtechnik im Trail. Kenne ich schon von den Guides in den Dolomiten. Freue mich jedes Mal darüber. Vor allem mit dem Hintergrund, dass zu diesem Zeitpunkt meine Erfahrung auf dem Mountainbike gesamt im Gelände bei rund 210 km lag.

Sobald ich in einen Trail starte kann ich einfach rollen lassen. Vollstes Vertrauen in das Rad und meinen Popmeter (kennt ihr den Begriff?). Die Geräusche, wenn der Freilauf surrt, die Dämpfer arbeiten, die Kette durchgerüttelt wird, der Fahrtwind in den Ohren rauscht, dann kann ich lächeln. Das ist der erste Sport der in diesem Maß Taekwondo das Wasser reichen kann. Ich musste das auch nicht üben. Fully gekauft in den Dolomiten gefahren aufgestiegen und einfach gefahren. Wäre ich doch nur im Ausdauersport so talentiert…

Was ich allerdings hätte wohl genauer Bedenken müssen: 4400 Höhenmeter sind verdammt nochmal wirklich viel! Gefühlt ging es den ganzen Tag bergan, die Trailpassagen sind nur Sekunden im Vergleich. Verdammte Axt!

Wir „erstürmten“ Gipfel für Gipfel insgesamt sollten am Tagesende 6 Löcher in der Karte sein. Dann hieß der nächste Anstieg ist der Schlimmste. 600 Höhenmeter und ein wirklich steiniger Weg. Königsanstieg habe ich wohl irgendwann fallen hören. Ich kann euch sagen, dass Ding hat es in sich. Die Oberschenkel meldeten dann auch ganz brav Laktat an, da wäre ein Wattmesser doch sehr spannend gewesen.

Und nun kommt die Stelle warum nur 15 Minuten für das Einstellen des Bikes investiert zu haben nicht die geschickteste Einlage war. Der Sattelkontakt war ab einem gewissen Punkt nicht mehr nur schmerzhaft sondern kaum zu ertragen. Wenn es steil wird ist auch nix mit hinstellen, dann muss man einfach sitzen. Ich sage nur über 43 Minuten für 5 Kilometer! Ich bin ja Kummer mit langen Fahrten und mal einem Druckschmerz gewöhnt doch das war anders. Wie anders stellte sich später im Hotel beim Duschen heraus. Nur ein Wort: Pavianpo. Und der war nicht nur rot…

Sonnenuntergang vom Klinovec

Genug gejammert zurück zum Anstieg. Der fünfte Gipfel war der Klínovec und hier entschädigte uns ein traumhafter Sonnenuntergang für die Quälerei. Ein Naturschauspiel dem ich wohl nie überdrüßig werde.

Der aufmerksame Leser hat in diesem Moment große Augen. Sonnenuntergang? Auf dem Gipfel? Äh ja, wir waren etwas spät dran. Während der Abfahrt dämmert es so langsam vor sich hin und auf dem weiteren Anstieg zum finalen sechsten Gipfel des ersten Tages brach endgültig die Dunkelheit über uns herein. So legten wir die letzten Meter im finstern zurück und hofften auf wenig große Steine und einen glatten Weg.

Wie üblich hatte ich mal wieder die Ernährung verkackt und die Oberschenkel waren der Meinung, dass die finalen 200 m auch zu Fuß zu bewältigen sind. Wer sein Fahrrad liebt der schiebt und der Po war überglücklich darüber.

War ich froh als mir Roland auf dem Fichtelberg ein Balisto und ein Snickers in die Hand gedrückt hat. Gesund? Nein, aber Energie!

Nun stand da eine Traube Mountainbiker auf dem Berg und musste wieder ins Tal. Dunkel und ohne Sonne war es auch, sorry, beschissen kalt. So musste ich mich auch etwas zusammenreisen, denn wenn es kalt wird werde ich zur Püppi un die Laune fällt. Die Idee uns sicher ins Tag zu befördern war großartig. Unser Begleitfahrzeug fuhr mit Fernlicht hinter uns. Wir als Traube eng davor. Wir sahen genug und von hinten konnte nichts geschehen. Das hat echt klasse funktioniert!

Vor dem Hotel zeigte mein Garmin schließlich 97,3 km und 2835 Höhenmeter. Meine Haut sagte -25 Grad und mein Magen essen! Das Gefühl ins warme Hotel zu gehen: unbezahlbar!

Wie so oft in den letzten Wochen war meine Ressource für sozialen Kontakt am Abend aufgebraucht. Was der Anblick des Doppelbettes mit nur einmal Bettzeug und das erste Mal ohne meinen Sven in einem Hotel nicht besser machte. So entschied ich mich allein Essen zu gehen und nach der heißen Dusche mit einem Buch im Bett zu verschwinden. Gerade am Abend schwappt die Welle der Sehnsucht immer ganz gewaltig.

Silber Tour Tag 2

Wahrscheinlich könnt ihr euch vorstellen, dass ich echt Angst vor dem ersten Sattelkontakt hatte. Die Schwellung ist zwar gut zurückgegangen, aber Haut heilt nicht über Nacht…
Mein erster Gedanke: ich fahre so lange es geht im Stehen. Das funktionierte keine 300 m dann ging es schon wieder bergauf. Autschn!

Doch ein Geistesblitz hatte mich kapieren lassen warum es gestern so ausgeufert ist. Der Sattel war schlicht zu hoch. Nicht viel, aber zu hoch. Dadurch bin ich etwas hin und her gerutscht et voilà Pavian…

Heute wollten nur drei Gipfel erklommen werden, dennoch war ich nach dem gestrigen Tag etwas misstrauisch wie diese sich wohl gestalten sollten.

Erstaunlicherweise flogen die Kilometer vor sich hin. Der erste Anstieg zum Bärenstein war asphaltiert und fuhr sich dementsprechend gut. Mit der passenden Sattelhöhe deutlich komfortabler.

So sammelt sich Kilometer für Kilometer und Höhenmeter für Höhenmeter. Das Wetter ist ein Traum. Sonnenschein und nahe der 20 Grad Marke. Einfach perfekt!

Bei einem Anstieg sahen wir wie gerade ein Rettungshubschrauber am Starten. Da schossen mir direkt die Tränen in die Augen. Und ich frage das Universum: Warum hat mein Schatz nicht die Chance bekommen zu fliegen und wieder gesund zu werden?  

Auf der Strecke des Stoneman Miriquidi sieht man immer wieder Versorgungsstellen wo man Wasser auffüllen und anderen Getränke über die Kasse des Vertrauens kaufen kann. Wie ich erfahre sind es Privatpersonen die uns Bikern diese kleinen Oasen schaffen. Als wir bei einer halten sind die „Versorger“ vor Ort. Es wird direkt geredet, bedankt und ein paar Fotos geschossen. Tolle Menschen, danke!

Und auf einmal trennte uns nur noch ein Anstieg vor dem Ende der Tour. Wir waren noch nicht weit gekommen als vor mir Roland vom Fahrrad springt und auf ein paar Menschen zu läuft. Ich sah eine umgestürzte Kutsche und dachte zuerst er möchte helfen diese aufzurichten. Dann sah ich das Pferd. Es lag auf dem Rücken im Graben. Seile waren um seine Beine gebunden und ein paar Männer versuchten es auf die Beine zu ziehen. Nach ein paar Anläufen gelang dies auch.

Da stand nun auch stattliches Kutschpferd vor mir. Ich konnte seine Angst spüren, seine Schmerzen fühlen. Er wieherte sobald er das Vorderbein leicht belastete. Mir schossen wieder mal die Tränen in die Augen. Ich fühlte mich so hilflos. Am liebsten wäre ich hingegange und … Was hätte ich schon tun können? Wankend und laut wiehernd wird der Braune auf die Wiese geführt und wir mussten weiterfahren. Mir tat es so unendlich leid und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass der hübsche Kerl wieder gesund werden darf. Sowas nimmt mich echt mit. ☹

Nach diesem traurigen Erlebnis kam die ekelige schier endlose letzte Steigung wie gerufen. Stoisch konnte ich in die Pedale treten, die Gedanken schweifen lassen und den Anblick verarbeiten.

Oben angekommen ist die Brust aller Teilnehmer etwas breiter und Grinsen machte sich in den Gesichtern breit. Es gibt High Fives und Glückwünsche. Denn nun sind wir alle silberne Steinmänner!

Es war eine sehr kluge Entscheidung die Tour zu fahren. Keine Mails, kein Laptop, keine Arbeit. Zwei Tage Natur, ordentliche körperliche Arbeit und nette Menschen. Mit Jenny habe ich besonders viel reden können und wir wollen es nicht bei der letzten gemeinsamen Tour belassen. Etwas mehr auf was ich mich nun freuen kann.

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